Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges. Dok. 208-216: Deutsche Bemühungen um eine gütliche Lösung der Danzig- und Korridorfrage (Oktober 1938 bis Mai 1939.
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Erstes Kapitel   (Forts.)
Entwicklung der Deutsch-Polnischen Beziehungen

B. Deutschlands Bemühen
um eine Verständigung mit Polen, 1933 bis 1939

XII. Deutsche Bemühungen
um eine gütliche Lösung der Danzig- und Korridorfrage
(Oktober 1938 bis Mai 1939)
  (Forts.)

Nr. 208
Unterredung des Reichsministers des Auswärtigen
mit dem Polnischen Botschafter, 26. März 1939

Aufzeichnung

Ich empfing den Polnischen Botschafter Lipski heute um 12 Uhr 30.

Botschafter Lipski übergab mir das in der Anlage beigefügte Memorandum der Polnischen Regierung, das ich in seiner Gegenwart durchlas.

Nachdem ich von dem Inhalt Kenntnis genommen hatte, erwiderte ich Botschafter Lipski, daß nach meiner persönlichen Auffassung die polnische Stellungnahme keine Basis für eine deutsch-polnische Lösung darstellen könne. Die einzig mögliche Lösung des Problems müsse in der Wiedervereinigung Danzigs mit dem Deutschen Reich und der Schaffung einer exterritorialen Auto- und Eisenbahnverbindung zwischen dem Reich und Ostpreußen bestehen. Herr Lipski entgegnete, er habe die unangenehme Pflicht darauf hinzuweisen, daß jegliche weitere Verfolgung dieser deutschen Pläne, insbesondere soweit sie eine Rückkehr Danzigs zum Reich beträfen, den Krieg mit Polen bedeute.

[192] Ich wies darauf Botschafter Lipski auf die vorliegenden Meldungen über polnische Truppenzusammenziehungen hin und warnte ihn vor möglichen Konsequenzen. Die polnische Haltung schiene mir eine merkwürdige Antwort auf mein kürzliches Angebot einer endgültigen Befriedung des deutsch-polnischen Verhältnisses darzustellen. Wenn die Dinge in dieser Richtung weiterliefen, so könne in Kürze eine ernste Situation entstehen. Ich könne Botschafter Lipski mitteilen, daß z. B. eine Verletzung des Danziger Hoheitsgebietes durch polnische Truppen von Deutschland in der gleichen Weise wie eine Verletzung der Reichsgrenzen betrachtet werden würde.

Botschafter Lipski bestritt energisch jede militärische Absicht Polens in bezug auf Danzig. Die von Polen vorgenommenen Dislokationen von Truppen-Verbänden stellten lediglich Vorsichtsmaßnahmen dar.

Ich legte Botschafter Lipski alsdann die Frage vor, ob nicht die Polnische Regierung, sobald sich die Situation etwas beruhigt habe, den deutschen Vorschlag erneut erwägen wolle, damit man auf der von uns vorgeschlagenen Basis der Wiedervereinigung Danzigs und der exterritorialen Eisen- und Autobahnverbindung zu einer Lösung kommen könne. Botschafter Lipski antwortete hierauf ausweichend, indem er sich erneut auf das von ihm übergebene Memorandum bezog.

Ich erwiderte Botschafter Lipski, daß ich dem Führer zunächst Bericht erstatten würde. Mir komme es dabei vor allem darauf an, zu vermeiden, daß beim Führer der Eindruck entstehe, Polen wolle einfach nicht.

Botschafter Lipski bat mich, doch auch von deutscher Seite die Fragen erneut nach jeder Richtung hin studieren zu lassen, und er frage sich, ob nicht Aussicht bestehen könne, vielleicht zu einer Lösung auf Grund der polnischen Gedankengänge zu gelangen. Er fügte hinzu, daß Außenminister Beck unserer Anregung entsprechend gerne in Berlin einen Besuch abstatten werde, es scheine ihm aber zweckmäßig, daß vorher die Fragen diplomatisch entsprechend vorbereitet worden seien.

Ich ließ Botschafter Lipski zum Schluß unserer Unterredung keinen Zweifel darüber, daß die polnischen Vorschläge meiner Auffassung nach vom Führer nicht als befriedigend angesehen werden könnten. Nur eine klare Rückgliederung Danzigs, eine exterritoriale Verbindung mit Ostpreußen und ein 25jähriger Nichtangriffsvertrag mit Grenzgarantien und eine Zusammenarbeit in der slowakischen Frage in Form eines von den Anrainern zu übernehmenden gemeinsamen Schutzes des Gebietes könnten nach deutscher Auffassung zu einer endgültigen Bereinigung führen.

von Ribbentrop

[193]
Anlage
Memorandum

I.

Die Polnische Regierung mißt ebenso wie in der Vergangenheit so auch heute volle Bedeutung der Aufrechterhaltung gutnachbarlicher Beziehungen mit dem Deutschen Reiche auf weiteste Sicht bei.

Die Polnische Regierung hat einen klaren Beweis dieser ihrer Einstellung dadurch geliefert, daß sie schon im Jahre 1933 als eine der ersten ausländischen Regierungen ein freundschaftliches Verhältnis zum Dritten Reich angebahnt hat und in Verhandlungen eingetreten ist, welche zum Abschluß der polnisch-deutschen Erklärung vom 26. Januar 1934 geführt haben.

Es sei auch hier die seitens Polens dem nationalsozialistischen Senat in Danzig gegenüber eingenommene positive Einstellung zu erwähnen.

In den darauffolgenden fünf Jahren hat die Polnische Regierung in ihrer internationalen politischen Tätigkeit es stets vermieden, an den gegen das Deutsche Reich gerichteten Aktionen teilzunehmen.

Schließlich ist es wohl bekannt, daß im Herbst 1938 Polens entschlossene Haltung in bedeutendem Maße zur Verhinderung einer kriegerischen Auseinandersetzung im Zusammenhang mit der Durchführung der deutschen Forderungen beigetragen hat.


II.

In der Frage des Transitverkehrs zwischen dem Deutschen Reich und Ostpreußen sowie in der Frage der Freien Stadt Danzig, in denen bisher stets ein Einvernehmen zwischen den beiden Regierungen erzielt wurde und bezüglich derer die Deutsche Regierung jetzt neue Anregungen vorgebracht hat, steht die Polnische Regierung auf folgendem Standpunkt:

    a) Die Polnische Regierung hat kein Interesse an irgendeiner Erschwerung des Verkehrs zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reich. Deshalb hat auch die Polnische Regierung trotz vieler Veränderungen, die in den letzten Jahren im Vergleich zu früher in dieser Hinsicht eingetreten sind (z. B. in der Frage des Zahlungstransfers), nicht nur keine Schwierigkeiten in dem bevorzugten Eisenbahntransitverkehr verursacht, sondern die Verrechnung für diesen Transit unter Berücksichtigung der deutschen Interessen vorgenommen.
          Von diesen Voraussetzungen ausgehend, ist die Polnische Regierung bereit, gemeinsam mit der Deutschen Regierung eine weitere Vereinfachung und Erleichterung des Eisenbahn- und Kraftwagenverkehrs zwischen Ostpreußen und dem übrigen Reich zu überprüfen, um dem deutschen Reisenden Behinderungen bei der Benutzung dieser Verkehrswege zu ersparen. Technische Sachverständige könnten an die Ausarbeitung von Vorschlägen herantreten, um obiges Ziel zu verwirklichen.
          Alle polnischerseits gewährten Zugeständnisse können jedoch nur im Rahmen der polnischen Souveränität stattfinden - eine Exterritorialität der Verkehrswege kann daher nicht in Frage kommen. Unter diesem Vorbehalt hat die Polnische Regierung die Absicht, den deutschen Wünschen weitgehend entgegenzukommen.

    [194] b) Was die Freie Stadt Danzig anbelangt, so darf daran erinnert werden, daß die Polnische Regierung seit längerer Zeit schon, in der Erkenntnis der Notwendigkeit einer Vereinbarung in dieser Frage auf dem Wege einer Verständigung zwischen Warschau und Berlin, entsprechende Anregungen getan hat. Dies erschien ihr besonders zweckmäßig mit Rücksicht auf die Lage des Völkerbundes, der die auf sich genommenen Verpflichtungen in der Freien Stadt Danzig nicht mehr vollends zu erfüllen imstande ist.
          Wie aus den bisherigen polnisch-deutschen Unterredungen hervorging, bestand keine Meinungsverschiedenheit bezüglich der grundsätzlichen Auffassung, daß die Polnische Regierung keine Behinderung des freien Innenlebens der deutschen Bevölkerung der Freien Stadt anstrebt, daß andererseits die Deutsche Regierung die polnischen Rechte sowie die wirtschaftlichen, maritimen und verkehrstechnischen Interessen und die Rechte der polnischen Bevölkerung in der Freien Stadt respektiert. Da diese beiden Fragen grundsätzlicher Natur sind, glaubt die Polnische Regierung, daß eine Lösung zu finden wäre, die auf einer gemeinsamen polnisch-deutschen Garantie für die Freie Stadt Danzig beruhen würde. Diese Garantie würde einerseits die freie Entwicklung des deutschen Volkstums und seines politischen Innenlebens befriedigen, andererseits die polnischen Rechte und Interessen sicherstellen. Die polnischen Interessen stimmen übrigens mit den wirtschaftlichen Interessen der Bevölkerung der Freien Stadt überein, da der Wohlstand derselben seit Jahrhunderten von dem polnischen Überseehandel abhängig ist.
          Im Gegensatz zum vorhergenannten Problem der Verkehrserleichterungen, welches nach Ansicht der Polnischen Regierung einen überwiegend technischen Charakter trägt und Sache von Experten wäre, müßten in der Frage der Freien Stadt zunächst die politischen Grundsätze zwischen der Polnischen und Deutschen Regierung besprochen werden, und zwar nach der Richtung hin, daß in diesem Körper, gemäß den Ausführungen des Herrn Reichskanzlers vom Februar 1938, von Polen die nationalen Verhältnisse in der Freien Stadt respektiert würden und von der Freien Stadt und Deutschland die Rechte und Interessen Polens.
          Die Polnische Regierung würde es zwecks einer Stabilisierung der Verhältnisse in dieser Region Europas für erwünscht halten, daß man zu einem Gedankenaustausch über die beiden obenerwähnten Probleme, die gemeinsam zu behandeln wären, möglichst bald herantrete, um dadurch eine Grundlage zur zukünftigen Festigung der gutnachbarlichen gegenseitigen Beziehungen zu finden.




Nr. 209
Unterredung des Reichsministers des Auswärtigen
mit dem Polnischen Botschafter, 27. März 1939

Aufzeichnung des Gesandten Schmidt

Der Herr Reichsminister das Auswärtigen stellte den Polnischen Botschafter wegen der Ausschreitungen in Bromberg138 zur Rede und bemerkte, daß diese neuen Ausfälle in Deutschland einen katastrophalen Eindruck gemacht hätten, [195] da man hier den Eindruck hätte, daß sie mit einer gewissen Duldung der polnischen Behörden vor sich gingen. Wieder sei es der Westverband gewesen, gegen den Deutschland bei Polen schon so oft Beschwerde geführt habe. Man sei deutscherseits der Ansicht, daß die Polnische Regierung, wenn sie guten Willens wäre, wohl in der Lage sein müsse, derartige Zwischenfälle zu verhindern. Der Herr Reichsaußenminister bedauerte eine derartige Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses auf das lebhafteste und betonte, die Deutsche Regierung müsse die Polnische Regierung für derartige Vorkommnisse voll verantwortlich halten.

Der Polnische Botschafter erklärte, von den erwähnten Vorgängen keine Kenntnis zu haben, versprach aber, sich sofort zu informieren. Auch er bedauerte die Ausschreitungen, erklärte sie jedoch mit der zur Zeit in Polen herrschenden Nervosität. Im übrigen versprach er, von sich aus alles tun zu wollen, um die Wiederholung derartiger Vorkommnisse abzustellen.

Als der Polnische Botschafter die Behauptung aufstellte, daß auch bei deutschen Vereinsveranstaltungen ähnliche, gegen Polen gerichtete Zwischenfälle vorkämen, erwiderte ihm der Herr Reichsaußenminister sofort, daß die Provokationen bisher immer nur von polnischer Seite ausgegangen seien.

Auf die Frage des Polnischen Botschafters, ob man nicht ein paar "Worte der Beruhigung für die beiden Völker" finden könne, erwiderte der Herr Reichsaußenminister, daß etwas derartiges in keiner Weise der Lage entspräche, da, wie gesagt, die Provokationen und Presseangriffe bisher lediglich von polnischer Seite ausgegangen seien. Wenn - was wohl bald nicht mehr aufzuhalten sein würde - die deutsche Presse auf die polnischen Angriffe nunmehr antworte, so würde sie es gründlich tun.

Abschließend bemerkte der Herr Reichsaußenminister, er könne die Polnische Regierung nicht mehr verstehen. Auf den großzügigen Vorschlag, den Deutschland an Polen gemacht habe, sei eine ablehnende Antwort erfolgt. Jedenfalls könne der gestern vom Polnischen Botschafter überbrachte Vorschlag vom Herrn Reichsaußenminister als keine Basis für eine Regelung der Fragen angesehen werden. Die Beziehungen beider Länder entwickelten sich daher stark abschüssig.

Bei der Verabschiedung sagte der Polnische Botschafter seinerseits zu, alles in seinen Kräften Stehende tun zu wollen, um der Schwierigkeiten Herr zu werden.

Schmidt




Nr. 210
Der Deutsche Botschafter in Warschau an das Auswärtige Amt
Bericht
Warschau, den 28. März 1939

Die erregte Stimmung, die in Polen seit einiger Zeit herrscht, hat noch erheblich zugenommen. In der Bevölkerung sind die wildesten Gerüchte verbreitet, so z. B., daß in Oderberg Kämpfe zwischen deutschen und polnischen Truppen stattgefunden hätten, daß Minister Beck verhaftet worden sei und ähnliche phantastische Nachrichten. Von ernsterer Bedeutung ist das Entstehen einer Kriegsstimmung, die durch die Presse, durch antideutsche öffentliche [196] Kundgebungen - besonders in der Provinz - die bereits vielfach zu Zwischenfällen geführt haben, und zum Teil auch durch eine säbelrasselnde offiziöse Propaganda gefördert wird. In weiten Kreisen glaubt man heute, daß der Krieg unvermeidlich geworden sei und unmittelbar bevorstehe.

Die praktischen Maßnahmen der Regierung tragen dazu bei, die vorhandene Kriegspsychose zu steigern. Im Laufe der letzten Woche haben Einberufungen von Reservisten der drei Jahrgänge 1912, 1913 und 1914 stattgefunden, zum Teil - für Spezialformationen - auch Einberufungen aus anderen Jahrgängen, außerdem sind Requisitionen von Pferden und Lastkraftwagen erfolgt. Ferner hat die Regierung die gegenwärtige Situation als Anlaß benutzt, um eine innere Staatsanleihe zwecks Ausbaus der Luftwaffe und der Luftabwehr-Artillerie auszuschreiben.

Für die Art der offiziellen Wehrpropaganda ist besonders ein vielfach nachgedruckter Artikel des Militärblatts Polska Zbrojna: "Wir sind bereit" charakteristisch. Darin wird u. a. ausgeführt, daß die Polen, zum Unterschiede von den Tschechen, kein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber den mächtigen Völkern dieser Erde empfänden. Die Zahl der fremden Divisionen schrecke die Polen nicht, denn seine eigene Armee, deren Ausrüstung, und der kriegerische Geist des polnischen Volkes reichten dazu aus, um Polen den Sieg zu sichern. Zahlreiche andere Veröffentlichungen, die seither täglich in der Presse erscheinen, sind im gleichen Geist und in der gleichen Tonart gehalten.

In dieser Selbstsicherheit und Überschätzung der eigenen militärischen Stärke, wie sie in der Presse zum Ausdruck kommt, liegt im Hinblick auf den polnischen Nationalcharakter eine Gefahr. Daß es sich hierbei nicht nur um Pressepropaganda handelt, zeigt eine verbürgte Äußerung, die der Vizekriegsminister Gluchowski in einer seriösen Unterhaltung getan hat, wobei er ausführte, die deutsche Wehrmacht sei ein großer Bluff, denn Deutschland fehlten die ausgebildeten Reserven, um seine Einheiten aufzufüllen. Auf die Frage, ob er glaube, daß Polen im Ernst Deutschland militärisch überlegen sei, antwortete Gluchowski: "Aber selbstverständlich".

Kennzeichnend für die Stimmung in politischen Kreisen war auch eine in der letzten Vollsitzung des Senats veranstaltete antideutsche Demonstration. Die erste Lesung des polnisch-litauischen Handelsvertrags, der der Litauische Gesandte Saulys in der Diplomatenloge beiwohnte, gab dem Senator Katelbach Veranlassung, Litauen im Namen des Senats zu versichern, daß Polen die schweren Erlebnisse, die Litauen soeben habe durchmachen müssen, aufs stärkste mitempfunden habe. An dem "langdauernden stürmischen" Beifall, den diese Erklärung hervorrief, beteiligten sich auch die beiden zu der Sitzung erschienenen Minister und Vizeaußenminister Graf Szembek.

von Moltke




Nr. 211
Der Deutsche Botschafter in Warschau an das Auswärtige Amt
Telegramm
Warschau, den 29. März 1939

Außenminister Back bat mich gestern abend zu sich, um mir folgendes mitzuteilen: Der Herr Reichsaußenminister habe in der Unterredung vom 26. März dem Botschafter Lipski erklärt, daß ein polnischer Gewaltakt gegen Danzig den casus belli bedeuten würde. Diese Mitteilung zwinge ihn, seinerseits die [197] Erklärung abzugeben, daß, falls deutscherseits ein Versuch unternommen werden sollte, das Statut der Freien Stadt einseitig abzuändern, Polen hierin den casus belli sehen würde. Das gleiche gelte auch, wenn etwa der Danziger Senat einen solchen Versuch unternehmen würde. Herr Beck fügte hinzu, daß die Polnische Regierung die eingetretene Verschärfung bedauere.

Ich erwiderte Beck, daß die Verschärfung nicht durch uns, sondern lediglich durch die polnischen Mobilmachungsmaßnahmen hervorgerufen worden sei, die jeder Berechtigung entbehrten und überdies einen in seiner Auswirkung höchst bedenklichen Schritt darstellten. Schon jetzt sei infolge der hierdurch eingetretenen Kriegsstimmung, die durch Presse und Propaganda in unverantwortlicher Weise gesteigert würde, eine Lage entstanden, die ernste Gefahren in sich schließe. Die schweren Zwischenfälle in Pommerellen seien ein deutlicher Beweis dafür. Ich verwies insbesondere auf die unerhörten Ausschreitungen in Bromberg und Liniewo139 und behielt mir vor, nach Eingang genauerer Informationen noch auf diese Angelegenheit zurückzukommen.

Beck versuchte die Mobilmachungsmaßnahmen damit zu rechtfertigen, daß die gerade im gegenwärtigen Zeitpunkt hinsichtlich Danzigs erhobene Forderung nach den Vorgängen in der Tschechoslowakei und in Memel polnischerseits als Alarmsignal aufgefaßt worden sei. Die Sorge, daß durch die getroffenen Maßnahmen Schwierigkeiten entstehen könnten, sei unbegründet. Von den Vorfällen in Liniewo wisse er noch nichts. Der Vorfall von Bromberg,140 bei dem die Polizei übrigens energisch durchgegriffen habe, sei zum Gegenstand einer Ministerbesprechung gemacht worden. Der Ministerpräsident habe darauf strengste Weisung an alle Verwaltungsbehörden gehen lassen, alles zu vermeiden, was zu Zwischenfällen Anlaß geben könnte, insbesondere Versammlungen und Umzüge zu verbieten.

Beck hinzufügte, er wolle mir nicht verhehlen, daß er immer mehr den Eindruck gewinne, als ständen wir an einem Wendepunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. - Ich erinnerte demgegenüber an die Besprechung von Berchtesgaden,141 in der der Führer die Aufrechterhaltung der Verständigungspolitik in den Vordergrund gestellt hätte, und legte dar, daß die jetzigen Vorschläge gerade das Ziel verfolgten, die deutsch-polnischen Beziehungen auf eine gesunde und dauerhafte Grundlage zu stellen, wobei wir allerdings mehr Einsicht von polnischer Seite erwarten müßten.

Moltke




Nr. 212
Aufzeichnung des Staatssekretärs des Auswärtigen Amts
Berlin, den 6. April 1939

Der Polnische Botschafter leitete heute bei einem Gespräch, zu welchem ich ihn hierher gebeten hatte, von sich aus über auf die Beckschen Unterhaltungen in London.142 Lipski behauptete, im Detail nicht unterrichtet zu sein, jedoch gewisse Grundsätze mir gegenüber feststellen zu können.

    1. Polen wünsche an dem Abkommen von 1934 festzuhalten.

    [198] 2. Bei den polnisch-englischen Abreden handelt es sich um einen bilateralen und rein defensiven Akt; von dem Beitritt Polens zu einem Block sei nicht die Rede.

Ich habe diese Äußerungen von Lipski mit einigem Lächeln entgegengenommen und ihm dann etwa folgendes erwidert: Mir sei die Entwicklung der polnischen Politik in der jüngsten Zeit nicht mehr begreiflich. Lipski wisse so gut wie ich, unter welcher Belastung unser Verhältnis vor der Machtergreifung gestanden hätte. Niemand in Deutschland als der Führer hätte die großen Konzeptionen des Jahres 1934 haben und mit Polen zur Durchführung bringen können. Unsere Beziehungen hätten von da an einen erfreulichen ständigen Aufschwung genommen. Im Sinne dieser guten Nachbarschaft habe der Führer dann bekanntlich Gespräche mit Polen eingeleitet und nicht nur die letzten Differenzpunkte zwischen uns ausräumen, sondern in großzügiger Weise die Korridorgrenze für Polen sichern wollen. Polen habe dieses Angebot offenbar nicht verstanden. Statt mit Freuden zuzugreifen und das Werk von 1934 zu vollenden, hätten wir plötzlich in Polen ein merkwürdiges Säbelrasseln vernommen. Das habe uns zwar nicht aufgeregt, stehe aber in seltsamem Kontrast zu der Antwort, die wir von Warschau erwarten durften. Auftragsgemäß sagte ich, das Angebot des Führers an Polen sei ein einmaliges gewesen. Eine Art von Antwort auf das Angebot, welche die Polnische Regierung uns habe erteilen wollen, sei ihm - Lipski - durch den Herrn Reichsaußenminister am 27. März bekanntlich bereits dahin charakterisiert worden, daß sie keine Grundlage zur Regelung der aufgeworfenen Frage darstelle.143 (Später im Laufe des Gespräches wiederholte ich, daß die polnische Antwort für uns keine Diskussionsgrundlage sei.) Ob Polen mit dieser Haltung gut beraten gewesen sei, werde ja die Zukunft lehren. Ich fuhr fort, daß ich die für heute nachmittag angekündigte Mitteilung Chamberlains im Unterhaus noch nicht gelesen hätte. Treffe aber das zu, was man schon jetzt in der Presse über die Beckschen Gespräche finde, so wisse ich nicht, wie das polnische Verhalten mit dem Sinn des Abkommens von 1934 noch vereinigt werden könnte.

Zu dem letzteren Punkte wollte Lipski erwidern, daß auch das polnisch-französische Vertragsverhältnis sich mit dem Abkommen von 1934 habe vereinigen lassen. Die polnischen Truppenkonzentrationen in der Gegend von Danzig wollte Lipski als eine begreifliche Parallelerscheinung mit Truppenbewegungen anderer Länder - wie Ungarn, Rumänien, ja selbst Norwegen - hinstellen. Vor allem aber erklärte Lipski, in den Tagen um den deutschen Einmarsch in die Tschecho-Slowakei ganz ohne Kontakt mit uns gelassen worden zu sein, woraus im Gegensatz zum September v. J. sich eine begreifliche polnische Nervosität entwickelt habe. Das von Deutschland an Litauen gerichtete Ultimatum habe die polnischen Sorgen noch entsprechend vermehrt.

Ich schnitt Lipski das Wort ab, als er von einem "Ultimatum" an Litauen sprach, machte seine Ausführungen über Truppenbewegungen anderer - die niemals gegen Polen gerichtet waren - lächerlich und erklärte ihm, es wäre mir verständlich gewesen, wenn er sich bei uns jetzt dafür bedankt hätte, daß wir dem heißen Wunsche Warschaus nach einer gemeinsamen ungarisch-polnischen Grenze kein Hindernis bereitet haben. Kurzum, ich wies Lipskis Redensarten mit den naheliegenden Argumenten gelassen zurück, worauf wir uns trennten.

Weizsäcker



[199]
Nr. 213
Durch den Deutschen Geschäftsträger in Warschau
im Polnischen Außenministerium übergebenes Memorandum
der Deutschen Regierung vom 28. April 1939

Die Deutsche Regierung hat durch die von polnischer und britischer Seite öffentlich bekanntgegebenen Erklärungen Kenntnis von dem bisherigen Ergebnis und dem Endziel der neuerdings zwischen Polen und Großbritannien geführten Verhandlungen erhalten. Danach haben die Polnische und die Britische Regierung eine vorläufige, demnächst durch ein Dauerabkommen zu ersetzende Vereinbarung144 getroffen, die Polen und Großbritannien den gegenseitigen Beistand für den Fall gewährleisten soll, daß die Unabhängigkeit eines der beiden Staaten direkt oder indirekt bedroht wird.

Die Deutsche Regierung sieht sich gezwungen, der Polnischen Regierung hierzu folgendes mitzuteilen:

Als sich die Nationalsozialistische Regierung im Jahre 1933 der Aufgabe einer Neugestaltung der deutschen Außenpolitik zuwandte, war es nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund ihr erstes Ziel, die Beziehungen zwischen Deutschland und Polen auf eine neue Grundlage zu stellen.

Der Führer des Deutschen Reiches und der verewigte Marschall Pilsudski begegneten sich damals in dem Entschluß, mit den politischen Methoden der Vergangenheit, zu brechen und für die Behandlung aller die Beziehungen der beiden Länder betreffenden Fragen den Weg einer unmittelbaren freundschaftlichen Verständigung von Staat zu Staat zu eröffnen.

Durch den unbedingten Verzicht auf jede Anwendung von Gewalt gegeneinander sollte eine Friedensgarantie geschaffen werden, um den beiden Regierungen die große Aufgabe zu erleichtern, für alle Probleme politischer, wirtschaftlicher und kultureller Art Lösungen zu finden, die auf einem gerechten und billigen Ausgleich der beiderseitigen Interessen beruhten.

Diese Grundsätze, die in der deutsch-polnischen Friedenserklärung vom 26. Januar 1934145 in vertraglich bindender Form festgelegt wurden, waren dazu bestimmt und haben in der Tat den Erfolg gehabt, in der Entwicklung der deutsch-polnischen Beziehungen eine völlig neue Phase einzuleiten.

Daß sie sich zum Nutzen beider Völker in der Praxis bewährt haben, beweist die politische Geschichte der letzten fünf Jahre und ist noch am 26. Januar d. J., dem fünften Jahrestag der Unterzeichnung der Erklärung, von beiden Seiten öffentlich ausgesprochen worden, unter Betonung des über einstimmenden Willens, den im Jahre 1934 festgelegten Grundsätzen auch in Zukunft treu zu bleiben.145a

Mit diesen vor wenigen Monaten abgegebenen feierlichen Erklärungen steht die jetzt von der Polnischen Regierung mit der Britischen Regierung abgeschlossene Vereinbarung in einem so offenbaren Widerspruch, daß die Deutsche Regierung von einer so plötzlichen und radikalen Schwenkung der polnischen Politik nur mit Erstaunen und Befremden Kenntnis nehmen kann.

Die neue polnisch-britische Vereinbarung ist, wie ihre endgültige Formulierung auch gestaltet werden mag, von beiden Partnern als regelrechter Bündnispakt gedacht, und zwar als ein Bündnispakt, der sich nach seiner allgemein bekannten Vorgeschichte und nach der ganzen Lage der politischen Verhältnisse ausschließlich gegen Deutschland richtet.

[200] Aus der von der Polnischen Regierung jetzt übernommenen Verpflichtung ergibt sich, daß Polen in einen etwaigen deutsch-englischen Konflikt durch einen gegen Deutschland gerichteten Angriff gegebenenfalls auch dann einzugreifen beabsichtigt, wenn dieser Konflikt Polen und seine Interessen überhaupt nicht berührt. Das ist ein direkter und flagranter Verstoß gegen den in der Erklärung von 1934 vereinbarten Verzicht auf jede Anwendung von Gewalt.

Der Gegensatz zwischen der deutsch-polnischen Erklärung und der polnisch-britischen Vereinbarung greift aber in seiner Tragweite noch wesentlich über diesen Punkt hinaus. Die Erklärung von 1934 sollte das Fundament dafür sein, unter dem Schutz der vereinbarten Friedensgarantie alle zwischen den beiden Ländern auftauchenden Fragen frei von internationalen Verflechtungen und Kombinationen in direkter, von außen nicht beeinflußter Auseinandersetzung zwischen Berlin und Warschau zu regeln. Ein solches Fundament setzt selbstverständlich das volle gegenseitige Vertrauen der beiden Partner sowie auch die Loyalität der politischen Absichten jedes Partners gegenüber dem anderen Partner voraus.

Dagegen hat die Polnische Regierung durch den jetzt von ihr gefaßten Beschluß, in ein gegen Deutschland gerichtetes Bündnisverhältnis einzutreten, zu erkennen gegeben, daß sie der ihr von der Deutschen Regierung unmittelbar zugesicherten Friedensgarantie das Beistandsversprechen einer dritten Macht vorzieht.

Zugleich muß die Deutsche Regierung daraus entnehmen, daß die Polnische Regierung zur Zeit keinen Wert mehr darauf legt, für deutsch-polnische Fragen die Lösung in direkter freundschaftlicher Auseinandersetzung mit der Deutschen Regierung zu suchen. Damit hat die Polnische Regierung den Weg verlassen, der im Jahre 1934 für die Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen vereinbart worden ist.

Die Polnische Regierung kann sich nicht darauf berufen, daß die Erklärung von 1934 die von Polen oder Deutschland schon vorher nach anderer Seite hin übernommenen Verpflichtungen unberührt lassen sollte und daß mithin neben ihr auch die Bündnisvereinbarungen zwischen Polen und Frankreich in Geltung geblieben sind. Das polnisch-französische Bündnis war im Jahre 1934, als Polen und Deutschland an die Neugestaltung ihrer Beziehungen herantraten, eine gegebene Tatsache. Die Deutsche Regierung konnte sich mit dieser Tatsache abfinden, weil sie erwarten durfte, daß die etwaigen Gefahren des aus einer Zeit schärfsten deutsch-polnischen Gegensatzes stammenden polnisch-französischen Bündnisses durch die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zwischen Deutschland und Polen von selbst immer mehr an Bedeutung verlieren würden.

Der Eintritt Polens in ein Bündnisverhältnis mit Großbritannien, der jetzt fünf Jahre nach Vereinbarung der Erklärung von 1934 erfolgt ist, kann deshalb politisch mit dem Inkraftbleiben des polnisch-französischen Bündnisses in keiner Weise verglichen werden. Mit diesem neuen Bündnis hat sich die Polnische Regierung einer von anderer Seite inaugurierten Politik dienstbar gemacht, die das Ziel der Einkreisung Deutschlands verfolgt.

Die Deutsche Regierung hat ihrerseits zu einer derartigen Änderung der polnischen Politik nicht den geringsten Anlaß gegeben. Sie hat der Polnischen Regierung bei jeder sich bietenden Gelegenheit sowohl öffentlich als auch in vertraulichen Besprechungen die bündigsten Versicherungen dafür gegeben, daß die freundschaftliche Entwicklung des deutsch-polnischen Verhältnisses [201] ein wesentliches Ziel ihrer Außenpolitik sei und daß sie in ihren politischen Entschlüssen jederzeit auf die Achtung berechtigter polnischer Interessen Bedacht nehmen werde.

So hat auch die Durchführung der von Deutschland im März d. J. zur Befriedung Mitteleuropas eingeleiteten Aktion die polnischen Interessen nach Ansicht der Deutschen Regierung in keiner Weise beeinträchtigt. Im Zusammenhang mit dieser Aktion ist es zur Herstellung einer polnisch-ungarischen Grenze gekommen, die von polnischer Seite stets als ein wichtiges politisches Ziel bezeichnet worden ist.

Überdies hat die Deutsche Regierung aber unmißverständlich zum Ausdruck gebracht, daß sie bereit sei, sich mit der Polnischen Regierung freundschaftlich auseinanderzusetzen, falls diese etwa ihrerseits der Ansicht sein sollte, daß sich für sie aus der Neugestaltung der Verhältnisse in Mitteleuropa neue Probleme ergeben hätten.

Im gleichen freundschaftlichen Geiste hat die Deutsche Regierung versucht, eine Regelung der einzigen noch zwischen Deutschland und Polen stehenden Frage, der Danziger Frage, in Gang zu bringen. Daß diese Frage einer Neuregelung bedarf, ist von deutscher Seite Polen gegenüber seit Jahr und Tag betont und von polnischer Seite auch nicht bestritten worden. Seit längerer Zeit hat die Deutsche Regierung immer wieder versucht, die Polnische Regierung davon zu überzeugen, daß durchaus die Möglichkeit einer den Interessen beider Teile gerecht werdenden Lösung gegeben sei und daß mit der Beseitigung dieses letzten Hemmnisses der Weg für eine aussichtsreiche politische Zusammenarbeit Deutschlands und Polens freigemacht werden würde.

Die Deutsche Regierung hat sich hierbei nicht auf allgemeine Andeutungen beschränkt, sondern der Polnischen Regierung, und zwar zuletzt Ende März d. J., in freundschaftlichster Form eine Regelung auf folgender Grundlage vorgeschlagen:

    Rückkehr Danzigs zum Reich,

    exterritoriale Eisenbahn- und Autoverbindung zwischen Ostpreußen und dem Reich,

    dafür Anerkennung des ganzen polnischen Korridors und der gesamten polnischen Westgrenze,

    Abschluß eines Nichtangriffspaktes auf 25 Jahre,

    Sicherstellung der wirtschaftlichen Interessen Polens in Danzig sowie großzügige Regelung der übrigen sich aus der Wiedervereinigung Danzigs mit dem Reich für Polen ergebenden wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Fragen.

Gleichzeitig hat die Deutsche Regierung sich bereit erklärt, bei der Sicherstellung der Unabhängigkeit der Slowakei auch den polnischen Interessen Rechnung zu tragen.

Niemand, der die Verhältnisse in Danzig und im Korridor sowie die damit zusammenhängenden Probleme kennt, kann bei unvoreingenommener Beurteilung bestreiten, daß dieser Vorschlag das Minimum dessen enthielt, was vom Standpunkt unverzichtbarer deutscher Interessen gefordert werden muß, und daß er allen für Polen irgendwie wesentlichen Interessen Rechnung trug. Die Polnische Regierung hat hierauf jedoch eine Antwort gegeben, die zwar in die Form von Gegenvorschlägen gekleidet war, die aber der Sache nach jedes [202] Verständnis für den deutschen Standpunkt vermissen ließ und auf eine Ablehnung des deutschen Angebots hinauslief.

Daß die Polnische Regierung selbst ihre Antwort nicht als geeignet ansah, eine freundschaftliche Verständigung anzubahnen, hat sie in ebenso überraschender wie drastischer Weise dadurch bewiesen, daß sie gleichzeitig mit der Antwort zu einer umfangreichen Teilmobilisierung ihrer Armee schritt. Mit dieser durch nichts gerechtfertigten Maßnahme hat sie zugleich im voraus Sinn und Ziel der Verhandlungen gekennzeichnet, in die sie unmittelbar darauf mit der Britischen Regierung eingetreten ist.

Die Deutsche Regierung hat es nicht für notwendig gehalten, auf die polnische Teilmobilisierung mit militärischen Gegenmaßnahmen zu antworten. Dagegen kann sie über die anderen von der Polnischen Regierung in der letzten Zeit gefaßten Entschlüsse nicht einfach stillschweigend hinweggehen. Sie sieht sich vielmehr zu ihrem Bedauern genötigt, hiermit folgendes festzustellen:

1. Die Polnische Regierung hat die ihr von der Deutschen Regierung gebotene Gelegenheit zu einer gerechten Regelung der Danziger Frage, zu einer endgültigen Sicherung ihrer Grenze gegenüber dem Deutschen Reich und damit zu einer dauernden Festigung eines freundnachbarlichen Verhältnisses beider Länder nicht ergriffen. Sie hat vielmehr die dahin zielenden deutschen Vorschläge verworfen.

2. Gleichzeitig hat sich die Polnische Regierung gegenüber einem anderen Staate auf politische Verpflichtungen eingelassen, die sowohl mit dem Sinn als auch dem Wortlaut der deutsch-polnischen Erklärung vom 26. Januar 1931 unvereinbar sind. Die Polnische Regierung hat damit diese Erklärung willkürlich und einseitig außer Kraft gesetzt.

Trotz dieser notwendig gewordenen Feststellung beabsichtigt die Deutsche Regierung nicht, ihre grundsätzliche Einstellung zu der Frage der künftigen Gestaltung der deutsch-polnischen Beziehungen zu ändern. Sollte die Polnische Regierung Wert darauf legen, daß es zu einer neuen vertraglichen Regelung dieser Beziehungen kommt, so ist die Deutsche Regierung dazu bereit und stellt dafür nur die eine Voraussetzung auf, daß eine derartige Regelung auf einer klaren, beide Teile bindenden Verpflichtung beruhen müßte.




Nr. 214
Rede des Führers vor dem Deutschen Reichstag, 28. April 1939
Auszug

...... Über das deutsch-polnische Verhältnis ist wenig zu sagen. Der Friedensvertrag von Versailles hat auch hier, und zwar natürlich mit Absicht, dem deutschen Volk die schwerste Wunde zugefügt. Durch die eigenartige Festlegung des Korridors Polens zum Meer sollte vor allem auch für alle zukünftigen Zeiten eine Verständigung zwischen Polen und Deutschland verhindert werden. Das Problem ist, wie schon betont, für Deutschland vielleicht das allerschmerzlichste. Allein, trotzdem habe ich unentwegt die Auffassung vertreten, daß die Notwendigkeit eines freien Zugangs zum Meer für den polnischen Staat nicht übersehen werden kann und daß überhaupt grundsätz- [203] lich auch in diesem Falle die Völker, die nun einmal von der Vorsehung dazu bestimmt oder meinetwegen verdammt sind, nebeneinander zu leben, sich zweckmäßigerweise nicht künstlich und unnotwendig das Leben noch verbittern sollten.

Der verstorbene Marschall Pilsudski, der derselben Meinung anhing, war daher bereit, die Frage einer Entgiftung des deutsch-polnischen Verhältnisses zu überprüfen und endlich das Abkommen abzuschließen, durch das Deutschland und Polen in der Regelung ihrer beiderseitigen Beziehungen entschlossen waren, auf das Mittel des Krieges endgültig zu verzichten. Diese Abmachung hatte allerdings eine einzige Ausnahme; sie wurde praktisch Polen zugestanden. Es wurde festgestellt, daß die von Polen schon bisher getroffenen Beistandspakte, es war dies der Beistandspakt mit Frankreich, dadurch nicht berührt werden sollten. Es war aber selbstverständlich, daß sich dies ausschließlich auf den bereits vorhandenen Beistandspakt beziehen konnte und nicht auf beliebig neu abzuschließende. Tatsache ist, daß das deutsch-polnische Abkommen zur außerordentlichen Entspannung der europäischen Lage beitrug.

Immerhin war zwischen Deutschland und Polen eine Frage offen, die früher oder später ganz natürlich gelöst werden mußte, die Frage der deutschen Stadt Danzig. Danzig ist eine deutsche Stadt, und sie will zu Deutschland. Umgekehrt hat diese Stadt vertragliche Abmachungen, die ihr allerdings aufgezwungen waren durch die Versailler Friedensdiktatoren, mit Polen. Da nun außerdem der Völkerbund früher als größter Unruhestifter nunmehr mit einem allerdings außerordentlich taktvollen Hohen Kommissar vertreten ist, muß spätestens mit dem allmählichen Erlöschen dieser unheilvollen Institution das Problem Danzig so oder so erörtert werden. Ich sah nun in der friedlichen Lösung dieser Frage einen weiteren Beitrag für eine endgültige europäische Entspannung. Denn dieser Entspannung dient man sicherlich nicht durch die Hetze wahnsinnig gewordener Kriegstreiber, sondern durch die Beseitigung wirklicher Gefahrenmomente. Ich habe nun der Polnischen Regierung, nachdem das Problem Danzig schon vor Monaten einige Male besprochen worden war, ein konkretes Angebot unterbreiten lassen. Ich teile Ihnen, meine Abgeordneten, nunmehr dieses Angebot mit, und Sie werden sich selbst ein Urteil bilden, ob es nicht im Dienste des europäischen Friedens das gewaltigste Entgegenkommen darstellt, das an sich denkbar war. Ich habe, wie schon betont, die Notwendigkeit eines Zuganges dieses Staates zum Meere stets eingesehen und damit auch in Rechnung gestellt. Ich bin ja kein demokratischer Staatsmann, sondern ein realistischer Nationalsozialist. Ich hielt es aber auch für notwendig, der Warschauer Regierung klarzumachen, daß so, wie sie einen Zugang zum Meere wünscht, Deutschland einen Zugang braucht zu seiner Provinz im Osten. Es sind dies nun einmal schwierige Probleme. Dafür ist nicht Deutschland verantwortlich, sondern jene Zauberkünstler von Versailles, die in ihrer Bosheit und in ihrer Gedankenlosigkeit in Europa hundert Pulverfässer herumstellten, von denen jedes einzelne außerdem noch mit kaum auslöschbaren Lunten versehen worden war.

Man kann nun diese Probleme nicht nach irgendeinem alten Schema lösen, sondern ich halte es für notwendig, daß man hier neue Wege geht. Denn der Weg Polens zum Meer durch den Korridor und umgekehrt, ein deutscher Weg durch diesen Korridor haben überhaupt keinerlei militärische Bedeutung. Ihre Bedeutung liegt ausschließlich auf psychologischem und wirtschaftlichem Gebiet. Einem solchen Verkehrsstrang eine militärische Bedeutung zuweisen zu wollen, hieße sich einer militärischen Naivität von seltenem Ausmaß ergeben.

[204] Ich habe nunmehr der Polnischen Regierung folgenden Vorschlag unterbreiten lassen:

    1. Danzig kehrt als Freistaat in den Rahmen des Deutschen Reiches zurück.

    2. Deutschland erhält durch den Korridor eine Straße und eine Eisenbahnlinie zur eigenen Verfügung mit dem gleichen exterritorialen Charakter für Deutschland, als der Korridor ihn für Polen besitzt. Dafür ist Deutschland bereit:

      1. sämtliche wirtschaftlichen Rechte Polens in Danzig anzuerkennen,
      2. Polen in Danzig einen Freihafen beliebiger Größe und bei vollständigem freien Zugang sicherzustellen,
      3. damit die Grenzen zwischen Deutschland und Polen endgültig als gegebene hinzunehmen und zu akzeptieren,
      4. einen 25jährigen Nichtangriffspakt mit Polen abzuschließen, also einen Pakt, der weit über mein eigenes Leben hinausreichen würde, und
      5. die Unabhängigkeit des slowakischen Staates durch Deutschland, Polen und Ungarn gemeinsam sicherzustellen, was den praktischen Verzicht auf jede einseitige deutsche Vormachtstellung in diesem Gebiet bedeutet.

Die Polnische Regierung hat dieses mein Angebot abgelehnt und sich

    1. nur bereit erklärt, über die Frage des Ersatzes des Völkerbundskommissars zu verhandeln und
    2. Erleichterungen für den Durchgangsverkehr durch den Korridor zu erwägen.

Ich habe diese mir unverständliche Haltung der Polnischen Regierung aufrichtig bedauert. Jedoch das allein ist nicht das Entscheidende, sondern das Schlimmste ist, daß nunmehr ähnlich wie die Tschecho-Slowakei vor einem Jahr auch Polen glaubt, unter dem Druck einer verlogenen Welthetze Truppen einberufen zu müssen, obwohl Deutschland seinerseits überhaupt nicht einen einzigen Mann eingezogen hat und nicht daran dachte, irgendwie gegen Polen vorzugehen. Wie gesagt, dies ist an sich sehr bedauerlich, und die Nachwelt wird einmal entscheiden, ob es nun wirklich so richtig war, diesen von mir gemachten einmaligen Vorschlag abzulehnen. Dies - wie gesagt - war ein Versuch von mir, eine die ganze deutsche Nation innerlich bewegende Frage in einem wahrhaft einmaligen Kompromiß zu lösen, und zwar zu lösen zugunsten beider Länder.

Meiner Überzeugung nach war Polen bei dieser Lösung aber überhaupt kein gebender Teil, sondern nur ein nehmender; denn daß Danzig niemals polnisch werden wird, dürfte wohl außer Zweifel stehen.

Die Deutschland nunmehr von der Weltpresse einfach angedichtete Angriffsabsicht führte in der Folge zu den Ihnen bekannten sogenannten Garantieangeboten und zu einer Verpflichtung der Polnischen Regierung für einen gegenseitigen Beistand, der also Polen unter Umständen zwingen würde, im Falle eines Konflikts Deutschlands mit irgendeiner anderen Macht, durch den wieder England auf den Plan gerufen würde, nun seinerseits gegen Deutschland militärisch Stellung zu nehmen.

Diese Verpflichtung widerspricht der Abmachung, die ich seinerzeit mit dem Marschall Pilsudski getroffen habe. Denn in dieser Abmachung ist ausschließlich Bezug genommen auf bereits, also damals bestehende Verpflichtungen, und zwar auf die uns bekannten Verpflichtungen Polens Frankreich gegenüber.

[205] Diese Verpflichtungen nachträglich zu erweitern, steht im Widerspruch zur deutsch-polnischen Nichtangriffspakterklärung.

Ich hätte unter diesen Umständen damals diesen Pakt nicht abgeschlossen. Denn was haben Nichtangriffspakte überhaupt für einen Sinn, wenn sich der eine Partner praktisch eine Unmenge von Ausnahmefällen offen läßt! Es gibt entweder kollektive Sicherheit, d. h. kollektive Unsicherheit und ewige Kriegsgefahr, oder klare Abkommen, die aber auch grundsätzlich jede Waffenwirkung unter den Kontrahenten ausschließen.

Ich sehe deshalb damit das von mir und dem Marschall Pilsudski seinerzeit geschlossene Abkommen als durch Polen einseitig verletzt an und damit als nicht mehr bestehend!

Ich habe dies der Polnischen Regierung mitgeteilt.146 Ich kann aber auch hier nur wiederholen, daß dies keine Änderung meiner grundsätzlichen Einstellung zu den angeführten Problemen bedeutet. Sollte die Polnische Regierung Wert, darauf legen, zu einer neuen vertraglichen Regelung der Beziehungen zu Deutschland zu kommen, so werde ich das nur begrüßen, allerdings unter der Voraussetzung, daß eine solche Regelung dann auf einer ganz klaren und gleichmäßig beide Teile bindenden Verpflichtung beruht. Deutschland ist jedenfalls gerne bereit, solche Verpflichtungen zu übernehmen und dann auch zu erfüllen. .....




Nr. 215
Der Deutsche Geschäftsträger in Warschau an das Auswärtige Amt
Bericht
Warschau, den 2. Mai 1939

Über die amtliche Stellungnahme zur Führerrede habe ich bereits anderweit berichtet. Diese offiziöse Stellungnahme ist in allen Variationen sowohl in den Regierungsblättern wie auch in der Oppositionspresse gebracht worden. Die Haltung der gesamten öffentlichen Meinung der letzten Tage zeigt deutlich eine weitere Versteifung gegenüber Deutschland. Selbst in zweifellos amtlich inspirierten Blättern wurden kriegerische Töne angeschlagen und sogar die Forderung aufgestellt, Danzig müsse polnisch werden. Recht bezeichnend ist auch die Feststellung der hiesigen Gazeta Polska, daß die Polnische Regierung sich angesichts der deutschen Methoden und der dadurch geschaffenen Lage genötigt sehe, künftig stärkere Garantien für die polnischen Rechte und den polnischen Besitzstand in Danzig zu fordern.

Ein weiteres Zeichen für die immer mehr zur Schau getragene Unnachgiebigkeit Polens gegenüber den deutschen Forderungen ist auch darin zu erblicken, daß die heutige Presse die Bedeutung der englischen Garantie für Polen besonders unterstreicht. Man beruft sich dabei auf angebliche englische Zusagen, wonach die Polnische Regierung allein darüber zu entscheiden habe, ob Polen zu den Waffen greifen müsse und ob daher der Bündnisfall für England gegeben sei.

Voraussichtlich wird Außenminister Beck noch in dieser Woche - wahrscheinlich am Freitag - Gelegenheit nehmen, um den polnischen Standpunkt in einer Rede vor dem Parlament klarzulegen.

von Wühlisch



[206]
Nr. 216
Der Deutsche Botschafter in Warschau an das Auswärtige Amt
Bericht
Warschau, den 23. Mai 1939

Ich hatte dieser Tage Gelegenheit zu einer Unterredung mit dem Unterstaatssekretär Arciszewski, aus der mir folgendes bemerkenswert zu sein scheint:

Herrn Arciszewski lag offenbar daran klarzustellen, daß die Schwenkung der polnischen Politik, wie sie durch die englisch-polnische Garantieerklärung zum Ausdruck gekommen sei, nicht auf die persönliche Initiative des Ministers Beck zurückgeführt werden könne. Herr Beck habe diese ganze Politik mit innerem Widerstreben unter dem Druck der Militärs und der öffentlichen Meinung mitgemacht. Schließlich sei er nicht mehr in der Lage gewesen, das englische Angebot zurückzuweisen. Er habe aber die ihm schon mit Rücksicht auf die hiesige Stimmung inopportun erscheinende Erörterung der Angelegenheit in der Öffentlichkeit immer wieder hinausgeschoben, bis er durch die Führerrede zu einer Entgegnung gezwungen worden sei. Seine Antwort vor dem Sejm, in der er notgedrungen eine Politik habe vertreten müssen, die nicht die seine sei, sowie die Begeisterung, die seine Rede in der hiesigen Öffentlichkeit ausgelöst habe, hätten Herrn Beck nur mit Bitterkeit erfüllt. Herr Arciszewski schilderte dann in dramatischer Form, wie Herr Beck am Tage nach der Sejmrede einen ganzen Stoß von Huldigungstelegrammen mit einem Wutausbruch in die Ecke geworfen habe. Herr Beck sei auch heute noch im Grunde genommen Anhänger der alten Politik. Insbesondere erscheine es ihm aber auch unsinnig, daß gerade die beiden verhältnismäßig so armen Länder Deutschland und Polen sich schlagen sollten, was letzten Endes doch nur im Interesse der reichen Länder gelegen sei.

Diese Darstellung mag etwas gefärbt sein. Immerhin stimmen doch verschiedene Beobachtungen darin überein, daß Herr Beck im Laufe der letzten Monate in der Verfolgung der von Marschall Pilsudski uns gegenüber eingeschlagenen Linie immer weniger Gefolgschaft hatte. Als sich dann die Möglichkeit ergab, eine englische Garantie für die polnischen Westgrenzen zu erhalten, sind es offenbar die militärischen Kreise gewesen, die diese Schwenkung der Politik herbeigeführt haben. Herr Beck hat sich dann gezwungen gesehen, diese Politik mitzumachen, schon weil er sich sonst nicht hätte halten können.

von Moltke




138Vgl. Nr. 349. ...zurück...

139In Liniewo wurde eine Versammlung der dortigen Reichsdeutschen von 25 Polen überfallen, die das gesamte Mobiliar zertrümmerten, ein Bild des Führers vollständig zerstörten und die Reichsflagge zerrissen. Vgl. Nr. 350. ...zurück...

140Vgl. Nr. 349. ...zurück...

141Vgl. Nr. 200. ...zurück...

142Vgl. Nr. 286. ...zurück...

143Vgl. Nr. 209. ...zurück...

144Vgl. Nr. 286. ...zurück...

145Vgl. Nr. 37. ...zurück...

145aVgl. Nr. 37. ...zurück...

146Vgl. Nr. 213. ...zurück...


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